Radikal Normal, Teil 1 von 7 · Zur Serienübersicht · Read this chapter in English
Liebe Leserin, lieber Leser,
Stell dir vor, du bist der einzige Bewohner einer Wüstenoase. Nach dem Tod deiner Eltern vor einigen Jahren sind dein Bruder und deine Schwester weggezogen. Es ist zu unsicher, sagten sie. Wie lange man den Brunnen noch tiefer graben kann, bevor das Wasser ausgeht? Und die wilden Tiere…
Du aber hast dich geweigert, wegzuziehen.
Du hast dein ganzes Leben hier verbracht, so wie schon deine Mutter. Und du hast geschafft, was deine Geschwister nicht für möglich gehalten hatten: Du hast dir ein kleines, aber wunderbares Häuschen aufgebaut. Ein gemütliches Bett mit einer Matratze aus Reisig und Lammwolle. Und du hast sichergestellt, dass du hier auch überlebst, wenn die nächste Dürre oder eine Seuche kommt. Wasser, eingelegtes Gemüse, gesalzenes Fleisch – der Keller unter deinem Haus ist gut gefüllt.
Hier mitten in der Wüste zu überleben, bedeutet jeden Tag harte Arbeit. Auch heute war es wieder so. Du hast bei sengender Sonne in den Beeten gearbeitet, aber es scheint sich zu lohnen. Linsen, Reis und Datteln gedeihen dieses Jahr hervorragend. Und auch die jungen Schäfchen wachsen schön heran. Sie zu beschützen, ist nicht immer einfach – erst heute Morgen hast du eine Gruppe Löwinnen mit einem Warnschuss verjagt. Zum Glück ist auf deine alte Jagdflinte Verlass.
Nach getaner Arbeit setzt du dich auf deine Veranda. Du schaust in den Himmel, der langsam rot wird. Endlich Zeit, durchzuatmen.
Doch plötzlich hörst du ein Baby schreien. Dann Schritte. Du schaust auf den Saum des Palmenhains. Aus dem Schatten zwischen den Bäumen schält sich eine Gruppe Menschen. Was ist da los? Außer dem Boten, der alle zwei Wochen Post bringt und abholt, ist hier seit Jahren niemand mehr vorbeigekommen. Und dann noch so viele Menschen auf einmal… Du hast gelernt, vorsichtig zu sein. Ein kurzer, reflexartiger Blick über die Schulter. Das Gewehr lehnt wie immer griffbereit an der Hauswand.
Die Gruppe bewegt sich langsam auf deine Veranda zu. Sie sind vielleicht noch 40, 50 Meter entfernt. Du zählst… zwei Männer und zwei Frauen, dazu ein Paar mit Gehstock, die älter und gebrechlich wirken. Zwei Kinder scheinen auch dabei zu sein. Und… ja, deine Ohren haben dich nicht getäuscht. Eine der Frauen trägt ein Baby in einer Schlinge. Sie wiegt es sanft, aber das Kind schreit weiter.
Du bist ganz sicher – du hast diese Menschen noch nie zuvor gesehen. Als sie noch näherkommen, vielleicht auf 20 Schritt, erkennst du, wie abgewetzt sie aussehen. Zerschlissene Kleider. Nur eine der Frauen hat überhaupt Schuhe an. Und wie hager sie sind… Sie müssen schon eine lange Zeit durch die Wüste gelaufen sein. Dabei ist so ein Weg doch eigentlich Selbstmord. Warum würden sie so etwas machen? Und dann noch mit Kindern und Alten…
Als dir diese Gedanken noch durch den Kopf gehen, spricht der Mann, der vorangeht, dich an. Er redet sehr gebrochen und ist schwer zu verstehen. Dabei gestikuliert er ausladend mit den Händen.
„Bitte Hilfe. Großer Durst. Kinder muss sofort trinken. Mutter nicht kann mehr stehen.“ Du schaust die alte Frau an. Ein muskulöser Mann – vielleicht der Sohn – stützt sie. Nach den Darstellungen des ersten Mannes hast du hier zwei Nachbarsfamilien vor dir. Die Gruppe sei aus einem Dorf geflohen, das vor zwei Tagen von Banditen gebrandschatzt wurde. Weil sie mitten in der Nacht aufbrechen mussten, hatten sie kaum Wasser und Nahrung dabei. Ein kleines Mädchen und seine Großmutter hätten den Weg nicht geschafft.
Während der Mann das erzählt, merkst du, wie seine Blicke über den grünen Garten schweifen, den du dir aufgebaut hast. Und du bist dir nicht ganz sicher, aber ruhten seine Augen auf dem Gewehr hinter dir?
Du bittest ihn, mit der Gruppe draußen vor der Veranda zu warten, während du Wasser holst. Während du dich umdrehst, fragst du dich, ob du nicht unvorsichtig bist. Du gehst ins Haus, in die Küche, füllst neun Tonbecher mit kaltem Wasser aus deiner Karaffe, stellst sie auf ein Tablett und trägst sie hinaus.
Die Augen der Leute leuchten, als sie dich mit dem Tablett erblicken. Die Kinder greifen zuerst zu, und die Erwachsenen bedeuten ihnen, noch einen zweiten Becher zu nehmen. Als du den Mann anschaust, lächelt er müde und zuckt mit den Schultern.
Schnell wird klar, dass diese paar Becher Wasser nicht reichen werden. Natürlich müssen die Erwachsenen auch etwas trinken. Und essen. Aber… was dann? Wenn ihre Geschichte stimmt, können sie nicht in ihr Heimatdorf zurückkehren. Die nächste Oase ist drei Tagesreisen entfernt. Auch wenn du ihnen Rationen mitgeben würdest, wäre das mit ziemlicher Sicherheit ein Todesurteil für die Schwächsten unter ihnen.
Und dann wird dir eines ganz klar: Wenn diese neun Menschen bei dir bleiben, bleiben sie nicht nur für ein paar Tage hier. Auch nicht für ein paar Wochen. Bevor das Baby aus dem Gröbsten raus ist, werden noch viele Monate vergehen. Und in der Zeit werden die Alten nicht jünger und widerstandsfähiger. Ist es überhaupt realistisch, dass sie jemals hier weggehen können?
Wenn sie aber hierbleiben, wovon sollen sie leben? Du hast Reserven angelegt, das mag sein. Aber dabei hast du niemals eingeplant, dass irgendjemand außer dir dauerhaft hier leben würde. Und selbst wenn die Erwachsenen dabei helfen, Gemüse anzubauen und Schafe zu züchten – diese kleine Oase mit ihrem widerspenstigen Brunnen gibt nicht mehr her, das kannst du mit deiner Erfahrung einschätzen.
Die Tatsache ist: Wenn hier auf absehbare Zeit statt einer Person zehn Personen leben sollen, muss alles, was da ist, entsprechend geteilt werden. Das heißt, dein gesamtes Hab und Gut wird unter diesen Menschen geteilt. Du hättest wohl genug zum Leben, wenn nicht etwas schief geht.
Ja, was wenn etwas schief geht…
Auf einmal steigt Angst in dir auf. Das kann doch nicht wahr sein. Dafür hast du dir das hier doch nicht aufgebaut? Das war nicht der Plan. Das hast du nicht verdient. Und dann kommt Wut dazu. Warum müssen diese Neun ausgerechnet in deiner Oase aufkreuzen? Was haben sie jemals für dich getan?
Und selbst wenn du dein gesamtes Hab und Gut mit ihnen teilst: Wie sicher kannst du sein, dass du ihnen vertrauen kannst? Dass sie nicht den Spieß umdrehen und dich beiseiteschaffen? Immerhin kennen sie sich. Und du bist für sie nur ein Fremder.
Du gehst mit dem leeren Tablett über die Veranda ins Haus zurück. Beim Blick über die Schulter siehst du, wie zwei der Kinder ein neugieriges Lämmchen streicheln, das zu ihnen herübergelaufen ist. Und als du durch den Hauseingang schreitest, fällt dein Blick noch einmal auf die Flinte, die an der Wand lehnt. Und auf den dicken Holzriegel an deiner Tür.
Du atmest tief durch. Und du weißt, du musst eine Entscheidung treffen.
In dieser kurzen Blogserie geht es mir um die extremen Unterschiede zwischen denen, die haben, und denen, die nicht haben. Und um die Frage, welche Verantwortung wir alle daran tragen. Denn im Kleinen treffen wir derartige Entscheidungen jeden Tag. Jedes Mal, wenn wir etwas kaufen, wählen, investieren, fordern oder schweigen, treffen wir Entscheidungen darüber, wie Ressourcen verteilt werden – und auf Umwegen darüber, ob andere Menschen Zugang zu Nahrung, Bildung, Gesundheit und Sicherheit haben.
Zwei Dinge sind mir an dieser Stelle wichtig: Die Oasenparabel modelliert nicht die Weltwirtschaft, sondern den Moment der Entscheidung, wenn jemand vor deiner Tür steht. Und wenn ich von der Oase rede, dann meine ich nicht irgendwelche abstrakten Milliardäre mit Yachten und eigenen Bunkern. Ich meine damit auch mich selbst. Denn nach globalen Maßstäben sitze ich, mit deutlich über 100.000 Euro Jahreseinkommen und Eltern mit Immobilien, mitten im gut ausgestatteten Oasenhaus.
Dinge, die ich für gegeben erachte – Essen im Kühlschrank, ärztliche Behandlung wenn ich sie brauche, und hervorragende Bildungsangebote – sind den meisten auf dieser Welt verwehrt. Und wenn wir alle beschließen, dass wir teilen, dann müsste ich das auch tun. Und wenn du diese Worte auf einem gemütlichen Sofa oder an einem Büroschreibtisch liest, dann gilt das wahrscheinlich auch für dich.
Das ist keine Schuldzuweisung – an dich oder an mich. Im Gegenteil: Erst wenn wir das zugeben, können wir aufhören, Gerechtigkeit als etwas zu behandeln, das andere betrifft. Dann wird sie zu einer bewussten Entscheidung, die wir jeden Tag neu treffen können.
Und wenn jemand das liest und sagt: „Ich bin nun mal Egoist und stärke lieber Musk und Bezos den Rücken, um meinen eigenen Anteil zu sichern” – auch gut. Aber dann sagt er wenigstens die Wahrheit. Und dann können wir ehrlich miteinander reden.
Nicht „die Politik” ist es, die die Verantwortung trägt. Nicht „die Wirtschaft”. Ich bin es. Du bist es. Jeden Tag.
Dass immer mehr Menschen Veränderung wollen, zeigt die wachsende öffentliche Debatte. Forscher wie Thomas Piketty und Ingrid Robeyns haben mit ihren Analysen eine breite Öffentlichkeit erreicht. Menschen wie Gary Stevenson gewinnen im Netz zunehmend Gehör – mit einfachen Botschaften und dem Ziel, eine politisch wirkmächtige Bewegung aufzubauen.
Und auch politisch bleibt diese Debatte nicht folgenlos: In einzelnen Ländern schlagen sich Forderungen nach stärkerer Umverteilung bereits in konkreten politischen Vorhaben nieder.
Ich möchte mit dir gemeinsam erkunden, was passiert, wenn wir den Gerechtigkeitsgedanken konsequent bis zu Ende denken – und dabei nicht nur fragen, was wünschenswert wäre, sondern ob es machbar ist. Diese Vision mag heute radikal klingen. Doch meine Hoffnung ist, dass sie in einigen Jahrzehnten einfach normal klingt.
Dafür müssen wir rauskommen aus dem Klein-Klein der Debatten. Und dieses Klein-Klein kann nur so lange dauern, wie wir nicht alle Stellung beziehen – zumindest uns selbst gegenüber.
Ich freue mich über deine Gedanken – hier in den Kommentaren oder als Antwort auf diesen Text. Im nächsten Beitrag geht es um die zerstörerischen Auswirkungen, die extreme Armut und extremer Reichtum auf Menschen und Gesellschaft haben.


