Radikal Normal, Teil 2 von 7 · Zur Serienübersicht · Read this chapter in English
Im ersten Beitrag dieser Blogserie haben wir uns eine Oase vorgestellt und uns mit einer Entscheidung konfrontiert. Teilen wir mit den Neuankömmlingen oder nicht?
Im zweiten Teil soll es darum gehen, wie ausgeprägt extreme Armut und extremer Reichtum heute sind und warum das überhaupt ein Problem ist.
Denn es stimmt ja – das globale Wirtschaftswachstum hat in den letzten 50 Jahren mehr als eine Milliarde Menschen aus der Armut geführt. Ist Wachstum also nicht bereits die Lösung des Problems? Dem ist einiges entgegenzuhalten.
Erstens ist die Messlatte extrem niedrig angesetzt: Die Weltbank-Schwelle liegt bei rund drei Dollar am Tag – wer vier hat, gilt statistisch nicht mehr als extrem arm, lebt aber höchstwahrscheinlich äußerst prekär. Zweitens ist der Fortschritt quälend langsam – selbst im Vor-Corona-Tempo bliebe Hunger noch für Generationen ein Problem, und seit der Pandemie stockt er komplett.
Drittens war das Wachstum in den westlichen Ländern in den drei Nachkriegsjahrzehnten am stärksten – genau in der Zeit, in der die Vermögen dort so gleichmäßig verteilt waren wie kaum je zuvor. Es stimmt, dass hier auch Faktoren wie günstige Energie und der Wiederaufbau nach dem Krieg eine Rolle gespielt haben – aber es liegt auf der Hand, dass Gleichheit und Wachstum keinen Widerspruch bilden.
Und die großen Wachstumsgeschichten der jüngeren Zeit – China, die ostasiatischen Tigerstaaten, in Teilen auch Indien – verdanken sich mindestens ebenso sehr kräftigem staatlichem Eingreifen wie offenen Märkten.
Hinzu kommt, dass die Ressourcen dieses Planeten begrenzt und mit endlosem Wachstum nicht vereinbar sind.
Die Erfolge des Wachstums sind also kein Argument für extreme Ungleichheit – und Wachstum allein wird die extreme Armut ohnehin nicht beenden.
Ich will hier nicht in Frage stellen, ob es überhaupt Unterschiede in Vermögen, Einkommen und Konsummöglichkeiten geben sollte. Natürlich können sie als Leistungs- und Innovationsanreize dienen – darauf komme ich später noch zurück. Doch ganz gleich, wie man Wohlstands- und Einkommensunterschiede rechtfertigt: Die Auswirkungen geringer Differenzen sind überhaupt nicht zu vergleichen mit den enormen Schäden, die extreme Unterschiede verursachen. Viele der folgenden Statistiken zeigen das nur in Aspekten und durch Korrelationen – die Tendenz ist gleichwohl sehr klar.
Zuerst einmal die Fakten: Das reichste Prozent der Weltbevölkerung erzielt etwa 20 % allen Einkommens und besitzt fast 40 % des gesamten Vermögens. Die ärmere Hälfte aller Menschen kommt nur auf 8 % des Einkommens und sogar nur 2 % des Vermögens. Tendenz: Schere auf – innerhalb der meisten Länder und besonders an der Spitze.
Eine Anmerkung: Auch wenn es in früheren Jahrhunderten noch extremeren Reichtum und extremere Armut gab – eine derartige Konzentration von Vermögen hat es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben. Besonders seit den neoliberalen Reformen der 1980er-Jahre unter Ronald Reagan in den USA und Margaret Thatcher in Großbritannien hat sich die Entwicklung Richtung Ungleichheit beschleunigt.
Folgen extremer Armut
Extreme Armut führt nachweislich dazu, dass Menschen deutlich früher sterben. Im internationalen Vergleich weisen Länder mit einem sehr niedrigen Pro-Kopf-Einkommen fast durch die Bank deutlich niedrigere durchschnittliche Lebenserwartungen auf als reiche Staaten. So leben Menschen in Mosambik im Schnitt knapp 60 Jahre und verlieren damit im Vergleich zu Japanern mehr als ein Viertel ihrer Lebenszeit. Noch deutlicher ist der Unterschied innerhalb von Staaten: So lebt das ärmste Prozent der Bevölkerung in den USA im Schnitt mehr als 10 Jahre kürzer als das reichste.
Jeden Tag sterben weltweit rund 25.000 Menschen an den Folgen von Hunger und Unterernährung – mehr als acht Mal so viele Tote wie am 11. September 2001 bei den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York. Aber auch andere Gesundheitsindikatoren sind in Gesellschaften mit hoher Einkommensungleichheit schlechter. Dort sind Kindersterblichkeit, Fettleibigkeit und psychische Erkrankungen deutlich häufiger.
In Ländern mit hoher Ungleichheit herrscht eine höhere Gewaltkriminalität. Lateinamerika mit einem hohen Gini-Koeffizienten vermeldet jährlich im Schnitt etwa 18 Morde je 100.000 Einwohner, Europa mit einem niedrigen Gini-Koeffizienten etwas mehr als 2.
A propos Gewalt: Auch Putsche, Proteste und Bürgerkriege kommen in ungleichen Ländern häufiger vor.
Je ärmer Menschen sind, desto schwieriger wird es für sie auch, sich durch soziale Mobilität aus dieser Lage zu befreien. Laut OECD bleiben in stark ungleichen Ländern Familien über viele Generationen in ihrer Position: „klebrige Böden” verhindern den Aufstieg von unten, „klebrige Decken” halten den Reichtum oben fest.
Dazu kommt noch, dass Leben am Existenzminimum kognitive Ressourcen beansprucht und die langfristige Planungsfähigkeit von Menschen einschränkt. Studien deuten darauf hin, dass Armut die mentale Leistungsfähigkeit um bis zu 13 IQ-Punkte senken kann.
Armut zementiert sich also selbst – ähnlich wie Reichtum, wie wir gleich sehen werden.
Folgen extremen Reichtums
Das wohlhabendste 1 % der Weltbevölkerung verursacht 16 % der globalen CO₂-Emissionen, so viel wie die ärmsten 66 %. Ein großer Teil davon stammt aus Investitionen in klimaschädliche Branchen.
Auch sind es insbesondere sehr wohlhabende Investoren, die von prekären Arbeitsbedingungen innerhalb globaler Lieferketten profitieren. Und im Kleinen verdienen auch Anleger wie ich an Ausbeutung mit – über ETF-Sparpläne und Pensionsfonds. Ich rede hier nicht einmal von Schuld – es gibt schlicht strukturelle Anreize, so zu handeln.
Etwas, das ohne extreme Konzentration von Reichtum kaum möglich wäre, ist die Übernahme von Medien (Silvio Berlusconi und Mediaset, Elon Musk und Twitter, Jeff Bezos und Washington Post, Holger Friedrich und Berliner Zeitung) und die direkte und indirekte Beeinflussung von Politik.
So kontrollieren extrem Reiche sowohl, was in einer Gesellschaft debattiert wird, als auch die Hebel der Macht, über die eine demokratische Veränderung der Situation möglich wäre. Wie sonst lässt sich die Existenz von Steuerschlupflöchern und -oasen wie Irland oder Luxemburg erklären?
Vor allem drückt der extreme Reichtum selbst die Schere immer weiter auseinander – nicht nur durch Kontrolle von Medien und Politik. Weil die Kapitalrendite seit Jahrzehnten im Durchschnitt höher liegt als das Wirtschaftswachstum, sammelt sich bei Investoren immer mehr Kapital an. Und damit das Geld nicht unnütz herumliegt, muss es weiter investiert werden.
Dadurch entsteht ein Wettbieten auf Vermögenswerte wie Aktien, Bitcoin und Co., aber eben auch auf Immobilien. Alle anderen werden von der zunehmend zahlungskräftigen Elite aus den Märkten gedrängt und können so immer weniger vom Kapitalwachstum profitieren – was den Beginn einer Armutsspirale auch für große Teile der Mittelschicht bedeuten könnte.
Denn natürlich geht es bei diesem Wettbieten am Ende nicht um Geld, sondern um die tatsächlichen Ressourcen, die Geld in einem Wirtschaftssystem steuern kann: Vor allem Wohnraum, Land, Rohmaterialien, Zeit und Arbeitskraft.
Bei aller Philanthropie mancher Milliardäre: Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein und kein Ersatz für strukturelle Fairness.
Fazit
Die heutige Welt ist geprägt von einer sich immer weiter öffnenden Kluft:
Auf der einen Seite immer mehr Menschen in ausgeprägter Armut, mit all ihren Folgen von Chancenlosigkeit bis Tod.
Auf der anderen Seite Menschen, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld – und die überproportional Ressourcen und Macht beanspruchen.
Wenn wir uns, liebe Leserinnen und Leser, auf vieles nicht einigen können, dann doch hoffentlich darauf, dass das nicht alles ist, wozu wir als Menschheit fähig sind. Egal, wie man das sieht – es gibt keine Entschuldigung. Jeder Einzelne von uns trägt Verantwortung – dafür, wie es ist, und vor allem dafür, wie es wird.
Aber in welche Richtung könnte so eine Veränderung gehen? Wie könnte die Welt dann aussehen?
Bevor wir dazu kommen, was ich denke, können wir uns einer Sache vergewissern: Wir sind nicht die Ersten, die sich Gedanken darüber machen, wie wir mit Ungleichheit in menschlichen Gesellschaften umgehen sollten. Beileibe nicht.
Lasst uns deswegen im nächsten Beitrag die Geschichte des Denkens über die Ungleichheit Revue passieren lassen.


