Radikal Normal, Teil 5 von 7 · Zur Serienübersicht · Read this chapter in English
So schön und gemütlich die Idee einer gerechteren Welt für manche klingen mag, bleiben doch viele Fragen. Die wichtigste ist aus meiner Sicht: Was macht das mit den Anreizen, die Menschen antreiben, Dinge zu tun oder eben nicht zu tun? Denn ohne Zweifel ist es die Summe der Anstrengung der Einzelnen, die für den Fortschritt der menschlichen Spezies verantwortlich ist.
Daher ist die Sorge angebracht, dass eine 10x-Welt die Anreize derjenigen zerstören könnte, die besonders viel zu diesem Fortschritt beitragen. Typischerweise werden hier die Unternehmer genannt, die persönlich Risiken auf sich nehmen, um Innovation und außerordentliche Leistungssteigerungen zu bewirken.
Doch hier will ich gleich entgegnen: Die Kausalität, dass außerordentliche finanzielle Anreize automatisch für außerordentliche Innovation und Produktivität sorgen, ist keineswegs so deutlich, wie es oft dargestellt wird. Studien legen nahe, dass die Unterschiede in der Vergütung von Vorstandsvorsitzenden sich nur zu einem geringen Anteil durch Verbesserungen in der Unternehmensleistung erklären lassen – hohe Vorstandsgehälter spiegeln meist einfach eine starke Verhandlungsposition wider.
In der öffentlichen Debatte werden Belohnung und Anreiz oft als die variablen Faktoren gesehen, während Risiko als eine Art Konstante behandelt wird.
Doch das stimmt nicht: Risiken wiegen für jeden unterschiedlich schwer. Menschen empfinden Verluste doppelt so stark wie Gewinne gleicher Größe. Wenn also das Risiko sinkt, steigt die Bereitschaft, ins Ungewisse zu gehen – selbst dann, wenn die Belohnung geringer ausfällt.
Diese Diskrepanz lässt sich auch im Endergebnis sehen. In den USA ist das Verhältnis von CEO-Gehältern zu durchschnittlichen Arbeitseinkommen seit 1978 von 31:1 auf 281:1 im Jahr 2024 gestiegen. Im Schnitt stieg die Bezahlung von Vorstandsvorsitzenden in diesem Zeitraum um über 1.000 %, die Produktivität stieg um 80 % – aber die Bezahlung von Mitarbeitern nahm nur um 26 % zu. Da darf die Frage erlaubt sein: Wenn sich Vergütung ganz an der Spitze vervielfacht hat, die Produktivität damit nicht mithalten konnte und die Löhne der Beschäftigten erst recht nicht – was genau belohnen wir?
Doch für viele Menschen bedeutet Gründen oder Investieren ein hohes Risiko. Wer am Existenzminimum lebt, setzt mit einem Wagnis wortwörtlich seine Existenz aufs Spiel. Erfolgreiche Gründer wie Elon Musk oder Jeff Bezos hatten ein Sicherheitsnetz und hätten auch bei einem tatsächlichen Scheitern ihrer ersten Projekte ein komfortables Leben geführt. Der Mythos vom alles riskierenden Unternehmer ist also oft übertrieben. Auch ich kenne das aus eigener Erfahrung: Berufliche Risiken einzugehen, ist mir stets eher leicht gefallen, weil mein familiäres Umfeld mir relative materielle Sicherheit gibt.
Sollte die Förderung von Innovation also nicht weniger darauf setzen, das Risiko einiger weniger extrem zu belohnen, und mehr darauf, dieses Risiko für eine breite Masse zu verringern? Wenn das Schlimmste, was dir bei einem Scheitern passieren kann, ein Leben mit akzeptablem Lebensstandard ist, würdest du dann nicht eher bereit sein, ein Risiko einzugehen? Genau das würde eine 10x-Verteilung ermöglichen.
Dass weniger Fokus auf einige Spitzenleute angebracht ist, zeigt die Realität. Viele bahnbrechende Innovationen der letzten Jahrzehnte – Mikrochips, Internet, GPS oder mRNA-Impfstoffe – wurden durch staatliche Förderung ermöglicht, wofür die Ökonomin Mariana Mazzucato den Begriff des „unternehmerischen Staates“ prägte. Organisationen wie DARPA oder NIH investieren gezielt in Projekte mit unsicherem Ausgang, weil die breite Streuung irgendwann zu großen Durchbrüchen führt. Wie viele Unternehmer konnten ihre Erfolge nur deshalb feiern, weil der Steuerzahler zuvor in Vorleistung gegangen war?
Doch staatliche Förderung ist nicht das einzige Beispiel. Auch Crowdfunding hat längst gezeigt, dass viele kleine Beiträge große Innovation ermöglichen können – sei es in der Videospielbranche oder bei Hardware-Startups. Warum sollte sich dieses Prinzip nicht auch auf den Wagniskapitalbereich übertragen lassen? Wenn mehr Menschen finanziellen Spielraum hätten, könnten sie kleine Risiken eingehen und gemeinsam Kapital bereitstellen. Fondsmanager würden sich weiterhin durch Leistung differenzieren, aber das Risiko würde auf viele Schultern verteilt.
Ich habe Respekt vor den Veränderungen, die ein neues Anreizsystem mit sich bringt. Aber es gibt mehrere stabilisierende Faktoren, die darauf hindeuten, dass Menschen auch in einer 10x-Welt produktiv und innovativ bleiben würden:
1. Relative Unterschiede bleiben – Menschen vergleichen sich eher relativ als absolut. Der Blick auf unerreichbare Milliardäre würde wegfallen, Differenzierung innerhalb der 10x-Gesellschaft bliebe aber möglich. Studien zeigen zudem, dass der zusätzliche Gewinn an Lebensqualität mit jedem weiteren Euro kleiner wird – auch wenn noch umstritten ist, ob es ein absolutes Sättigungsniveau gibt.
2. Intrinsische Motivation – Viele Menschen sind getrieben von Selbstwirksamkeit, Sinn und dem Wunsch, etwas zu lernen. Millionen engagieren sich ehrenamtlich, investieren Zeit und Geld in Vereine oder arbeiten selbst nach einem Lottogewinn weiter. Künstliche Intelligenz könnte diesen Trend noch verstärken, indem sie monotone Tätigkeiten abnimmt und Menschen auf kreative oder soziale Arbeit fokussiert.
3. Alternative Belohnungssysteme – Anerkennung, Prestige oder spielerische Elemente („Gamification“) motivieren Menschen heute schon. Open-Source-Communities wie Linux, Wikipedia, die Wissenschaft zeigen, dass Ehre, Anerkennung und das Gefühl, ein Spiel zu gewinnen, Menschen antreiben können – oft stärker als Geld. In einer Gesellschaft, in der Grundbedürfnisse abgesichert sind, dürften diese immateriellen Faktoren an Bedeutung gewinnen.
Nun habe ich viel darüber geschrieben, wie Menschen zu Spitzenleistungen motiviert werden könnten. Aber was ist eigentlich mit denen, die vielleicht nie eine Spitzenleistung erbringen wollen oder können? Werden diese Menschen nicht faul, wenn sie nicht mehr vom Verhungern bedroht sind?
Die bisherigen Experimente mit bedingungslosem Grundeinkommen machen Mut – auch wenn es noch weiterer Forschung über längere Zeiträume hinweg bedarf. Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass sich die Arbeitszeit kaum verringert, die psychische Gesundheit jedoch verbessert. Und die, die etwas weniger arbeiten, nutzen die gewonnene Zeit häufig für Weiterbildung oder Gründungen. Nicht das Grundeinkommen zerstört Motivation, sondern Angst. Sicherheit gibt Menschen die Freiheit, etwas zu wagen.
Zusammenfassend bin ich guter Dinge, dass eine 10x-Gesellschaft Innovation nicht abwürgt, sondern im besten Fall vervielfacht. Durch das geringere Risiko, einen stärkeren Fokus auf intrinsische Motivation und alternative Belohnungssysteme sowie ein Grundeinkommen für alle könnte ein robustes neues Innovationsökosystem entstehen. Eines, das auf den Schultern vieler ruht, statt auf einer Milliardärslotterie.
Im folgenden Beitrag geht es darum, wie wir uns auf eine solche Utopie zubewegen könnten. Zum Glück gibt es hier eine große Zahl von erprobten oder angedachten Ansätzen.


