Radikal Normal, Teil 4 von 7 · Zur Serienübersicht · Read this chapter in English
In den bisherigen Beiträgen habe ich mich bemüht, drei Dinge festzuhalten:
• Wir tragen alle täglich Verantwortung für die Ungleichheit in der Welt.
• Extreme Ungleichheit führt zu immer mehr Leid und Zerstörung.
• Die Problematik der Ungleichheit beschäftigt die Menschen seit Jahrtausenden.
Wir wissen also, dass Ungleichheit existiert und dass sie Probleme mit sich bringt. Wenn wir unsere Verantwortung ernst nehmen, dann müssen wir uns auch fragen, ob es nicht auch besser geht.
Zu diesem Zwecke bitte ich dich, in dich zu gehen. Denk daran, was du im Alltag beobachtest. Welche finanziellen Bedürfnisse die Menschen haben, an die du denkst. An die Leistungen, die sie erbringen.
Und dann frage dich: Was ist angemessen? Was ist unangemessen? Ist es völlig egal?
Wenn dir diese Überlegung seltsam erscheint, dann denk daran, dass menschliche Gesellschaften in vielen Bereichen übereinkommen, was angemessen oder unangemessen ist: Ob bei Verkehrsregeln, Altersgrenzen für den Alkoholkonsum oder beim Wahlalter. Warum sollte das nicht auch für die Menge an Geld gelten, die jemand haben darf?
Heute verdient ein durchschnittlicher Vorstand im deutschen Leitindex DAX rund 40-mal so viel, wie ein durchschnittlicher Mitarbeiter das Unternehmen kostet – bei Spitzenreitern wie Adidas sogar das rund 95-fache. Bei den größten US-Firmen sind es fast 300-mal so viel. Noch absurder sind die Unterschiede beim Vermögen, insbesondere wenn man über Ländergrenzen hinwegschaut: Ein Millionär hat viele Zigtausendmal so viel Vermögen wie ein Subsistenzbauer.
Meiner Meinung nach sollte Leistung belohnt werden. Es gibt aber eine Grenze, an der die Menge an Geld aufhört, das Leben tatsächlich zu bereichern. Ab einem gewissen Punkt findet Reichtum, wenn es um das eigene Wohlergehen geht, nur noch in deinem Kopf statt – er ist rein symbolisch. Und erfüllt er an diesem Punkt doch noch einen Zweck, dann muss man sich fragen, ob nicht eine gerechtere Gesellschaft diesen Zweck besser erfüllen könnte. Oder ob der Zweck destruktiv auf die Gesellschaft wirkt.
Nähern wir uns einem angemessenen Verhältnis von Reich zu Arm einmal an. Stell dir vor, du bist das fleißigste Genie der Erde, mit Verantwortung für die ganze Welt – wäre es angemessen, dass du Speisen zu dir nimmst, die hundertmal so teuer sind, oder in einer Wohnung lebst, die hundertmal so groß und edel ist wie die eines anderen Menschen?
Kommt dir das noch zu extrem vor? Wie wäre es mit dem von Platon vorgeschlagenen Verhältnis von 4 zu 1? Zu restriktiv?
Es gibt hier kein Richtig und kein Falsch. Und leider kann auch niemand sagen, was objektiv optimal wäre. Aber wenn die Debatten und Maßnahmen rund um soziale Gerechtigkeit zielgerichtet sein sollen, dann braucht es einen gemeinsamen Maßstab. Wie sonst sollen wir Reformen kalibrieren, Forderungen einordnen oder Behauptungen überprüfen können?
Zu diesem Zweck schlage ich einen Maßstab von 10 zu 1 vor. Die reichste Person bekommt zehnmal so viel wie die ärmste Person. Das ist die Größenordnung, die der Publizist Sam Pizzigati (10:1) und eine Schweizer Volksinitiative 2013 (12:1) für die Spreizung von Löhnen in den Raum gestellt haben. Aber ein solches Verhältnis gälte nicht nur für Einkommen, sondern auch für Vermögen. Und zwar nicht nur in Deutschland oder den USA, sondern weltweit.
Ja, der Wert ist willkürlich, aber es geht mir hier darum, den Unterschied zu illustrieren, den solch ein Maßstab bedeuten würde. Für den weiteren Verlauf dieser Blogserie nehmen wir dieses Verhältnis von 10 zu 1 an und schauen uns an, wie eine solche Welt aussehen würde, warum sie tatsächlich funktionieren könnte und wie wir sie gemeinsam aufbauen könnten.
Zunächst muss ich klarstellen, worauf sich das 10x-Prinzip bezieht: Erstens auf das Vermögen, zweitens auf das Einkommen, und drittens auf das Konsumpotenzial. Denn wenn das Vermögen langfristig auf einen Faktor 10 begrenzt werden soll, muss auch der Vermögenszuwachs – also das Einkommen – auf diesen Faktor begrenzt werden.
Die Begrenzung des Konsumpotenzials rührt daher, dass verschiedene Faktoren dazu führen können, dass bestimmte grundlegende Güter an einem Ort günstiger sind als an einem anderen. Deswegen müsste ein Warenkorb definiert werden, der weltweit für alle, die am wenigsten haben, gleich erschwinglich ist. So erhalten wir eine Messlatte dafür, welcher Anspruch an Güter und Dienstleistungen gerechtfertigt ist.
Das Konzept eines Warenkorbs gibt uns im Übrigen einen wichtigen Hinweis: Geld ist, wie bereits Sen feststellte, nur ein Maßstab dafür, wie gut man essen kann, wo man sich das Wohnen leisten kann, ob man einen Arzt besuchen und seine Kinder zur Schule schicken kann.
Die Verwendung eines Verhältnisses statt einer Obergrenze hat folgende Vorteile: Die Reichsten können noch reicher werden, aber nur, wenn auch die Ärmsten reicher werden. Und es erlaubt mehr Flexibilität bei der Berücksichtigung globaler Kaufkraftunterschiede.
Wenn Vermögen und Einkommen von heute auf morgen auf ein maximales Verhältnis von 10 zu 1 angepasst werden würden, wie würde die Welt dann aussehen?
Berechnung:
Wir beginnen mit den globalen Gesamtwerten: Das weltweite Bruttoinlandsprodukt (BIP) betrug im Jahr 2024 etwa 109 Billionen US-Dollar. Das gesamte Nettovermögen der Haushalte weltweit belief sich Ende 2024 auf rund 475 Billionen US-Dollar.
Unter „Vermögen” fassen wir dabei alle finanziellen und nicht-finanziellen Vermögenswerte, also Bankguthaben, Aktien, Anleihen, Immobilien, Land, Maschinen, natürliche Ressourcen etc., abzüglich aller Verbindlichkeiten.
Teilt man nun diese Gesamtwerte durch die Anzahl der Erwachsenen weltweit (5,5 Milliarden), ergibt sich ein durchschnittliches Einkommen von etwa 19.800 US-Dollar pro Jahr und ein durchschnittliches Vermögen von rund 86.400 US-Dollar pro erwachsene Person. Das ist im Übrigen großzügig gerechnet, da das BIP sich nicht vollends im Haushaltseinkommen niederschlägt, sondern ebenso in Staatskonsum, einbehaltenen Unternehmensgewinnen und Abschreibungen.
Man kann sich das als zusammengestauchte Version der heutigen Verteilung vorstellen: Einkommen und Vermögen bleiben in Summe gleich, nur liegen die einzelnen Einkommen und Vermögen pro Person viel näher beieinander. Weil wir den vorhandenen Bestand umverteilen, bleibt der weltweite Durchschnitt genau da, wo er heute liegt.
Wenden wir nun das 10x-Prinzip an, wie sähe das Leben auf verschiedenen Stufen dieser Skala in der Praxis aus? Vereinfacht so (in heutiger Kaufkraft und rein illustrativ):
● Stufe 1 – Basis (unteres Ende): Mit ca. 9.900 US-Dollar Einkommen und 43.200 US-Dollar Vermögen hätte jede Person genug für gesunde Ernährung, Wohnung, Energie, Transport und Grundbildung. Hunger, extreme Armut oder unsichere Lebensbedingungen würden verschwinden.
● Stufe 2 – Durchschnitt (weltweiter Mittelwert): Mit etwa 19.800 US-Dollar Einkommen und 86.400 US-Dollar Vermögen läge dieser Mensch genau im weltweiten Durchschnitt und wäre damit Teil des Mittelstands: ein eigenes Auto oder ÖPNV, kleine Reisen, hochwertige medizinische Versorgung, Zugang zu Hochschulbildung für die Kinder, Rücklagen für Krisen.
● Stufe 3 – Spitze (oberes Ende): Mit ca. 99.000 US-Dollar Einkommen und 432.000 US-Dollar Vermögen wäre Wohlstand komfortabel, aber nicht exzessiv: ein großzügiges Haus oder Wohnung, zwei Autos, internationale Reisen, hochwertige Konsumgüter, Freiheit von Geldsorgen – aber keine Privatjets, keine Yachten, keine eigenen Medienimperien, und das alles im Rahmen dessen, was unser Planet verkraften kann, auch wenn der Ressourcenverbrauch bei ärmeren Menschen steigt.
Wohlgemerkt: In diesem Spektrum wären alle enthalten, auch Menschen in den ärmsten Ländern der Welt. Um es deutlich zu machen: Heute haben die Ärmsten wenige Tausend US-Dollar Vermögen, während die Geldanlagen der reichsten Menschen mit weit jenseits der 100 Milliarden US-Dollar bewertet werden.
Wie weit die Schere heute auseinanderklafft, wird deutlich, wenn man sich das Medianvermögen anschaut, also den Betrag, den ein Mensch genau in der Mitte der Weltbevölkerung hat. Dieses Vermögen liegt heute bei etwa 9.000 US-Dollar und damit bei etwa einem Zehntel des Durchschnittswertes von 86.400 US-Dollar. Verteilt man das heute bereits existierende Vermögen der Menschheit innerhalb einer 10x-Bandbreite neu, hätte das untere Ende der Verteilung ein Vielfaches mehr als heute – rund drei Milliarden Menschen wären nicht länger arm.
Natürlich ist das Vermögen auf dieser Welt kein Goldschatz, den man einfach einsammeln und verteilen könnte. Wesentliche Teile davon sind Marktwerte, die auf Erwartungen künftiger Erträge basieren. Diese würden fallen, wenn man die möglichen Erträge einschränken würde. Das heißt jedoch nicht, dass zugleich die zugrunde liegenden echten Ressourcen wie Arbeitskraft, Wohnraum, Maschinen und Rohstoffe verschwinden. Dieser Punkt ist extrem wichtig: Letzten Endes werden in diesem Modell Ansprüche auf diese Ressourcen umverteilt, und dafür ist der nominale Geldbetrag unerheblich.
Wenn wir morgen in einer solchen 10x-Welt aufwachen würden, was hätten wir verloren? Private Inseln, private Jets, private Armeen, den Druck, das Leben extrem Wohlhabender nachzuahmen, gekaufte Wahlen und Fernsehsender und das Gefühl permanenter Unterlegenheit, das viele heute begleitet.
Und was hätten wir gewonnen? Universelle Würde, ausreichende Nahrung für alle, bezahlbare Bildung, Sicherheit im Alltag, medizinische Grundversorgung und die Freiheit, nicht in ständiger Angst vor Absturz leben zu müssen. Die Konsequenzen darüber hinaus lassen sich nur erahnen. Status ist und bleibt den Menschen wichtig und er lässt sich auf viele Arten ausleben. Aber je kleiner die Ressourcenunterschiede, desto unwahrscheinlicher ein schädliches Auseinanderdriften – etwa, dass die einen ihre Kinder genetisch optimieren können und die anderen nicht.
Ich finde, verglichen mit der heutigen Welt wäre dieses Szenario ein großer Gewinn. Finanziell vielleicht nicht für alle, auch für mich nicht. Aber für die große Mehrzahl der Menschen und auch den einen oder anderen Leser. Zugegeben sind wir heute sehr weit von einer 10x-Welt entfernt – und tatsächlich entfernen wir uns jeden Tag ein wenig mehr davon.
Es klingt so abgedroschen, dass ich es kaum wiederholen mag, aber viele Dinge, die man vormals für unmöglich erachtete, sind in der Vergangenheit dank des Engagements von Menschen Realität geworden. Der Achtstundentag, das Verbot der Kinderarbeit oder die gesetzliche Krankenversicherung zum Beispiel.
Ob ein Verhältnis von 10 zu 1 genau das richtige Ziel ist, darüber können wir uns gerne streiten. Was ich zeigen will, ist, dass Gesellschaften über derartige Gleichheitsziele überhaupt diskutieren können.
Im kommenden Kapitel möchte ich auf die wohl häufigste Kritik daran eingehen, die aufkommt, wenn jemand vermeintliche Gleichmacherei vorschlägt – den Verlust von Unternehmergeist und Innovation.


