Fazit
Kapitel 7
Radikal Normal, Teil 7 von 7 · Zur Serienübersicht · Read this chapter in English
Erinnerst du dich an die Menschen vor deiner Veranda, die darauf warten, dass du ihnen mehr Wasser bringst? An dein Gewehr, an deinen schweren Türriegel? Du bist immer noch am Zug.
Ich habe jetzt viel über Details geschrieben. Die Werkzeuge sind grundsätzlich da; sie zu kalibrieren, ist die Aufgabe von Experten. Es gibt auch nicht nur einen Weg zum Ziel einer gerechteren Welt.
Wenn wir uns nicht kooperativ auf einen Weg einigen, wächst der Druck im System weiter – und die Geschichte zeigt, dass sich extreme Ungleichheit am Ende immer entlädt, und das selten friedlich. Das möchte ich uns gerne ersparen.
Worum es mir im Kern geht, ist, dass wir uns selbst gegenüber ehrlich sind. Denn das ist die Voraussetzung für alles andere. Fehlende Ehrlichkeit uns selbst gegenüber ist der Grund, warum wir in gefühlter Ausweglosigkeit verharren, warum wir unserer Verantwortung ausweichen.
Aber genau wie in unserem Wüsten-Szenario müssen wir unsere Verantwortung anerkennen und uns entscheiden. Und in dieser grundsätzlichen Frage gibt es tatsächlich nur schwarz und weiß. Teilst du, oder schließt du die Tür? Es gibt keine Ausreden wie „das ist zu kompliziert“. Denn das wäre unaufrichtig angesichts 25.000 Hungertoter jeden Tag. Über die Methoden und Schattierungen kann man sich danach herrlich streiten.
Wenn du keine gerechtere Welt willst, dann ist das deine Entscheidung – und deine Verantwortung.
Und damit meine ich alle Ungleichheit auf der ganzen Welt. Es gibt kein Verstecken hinter Ländergrenzen. Gerechtigkeit nur für die eigene Gruppe ist keine Gerechtigkeit. Dabei geht es mir um Verantwortung, nicht um Grenzpolitik. Darum, wessen Leben zählt, nicht darum, welche Schlagbäume wann fallen.
Und wenn du dich dafür entschieden hast, dich für mehr Gleichheit einzusetzen, dann braucht es einen Leitstern. Ein Orientierungspunkt, der die Kriterien einer besseren Welt auf das Wesentliche reduziert. Der uns davor bewahrt, in Kleinkriegen zu versinken und die Argumente derer, die nicht teilen wollen, im Detail widerlegen zu wollen. Das alles nimmt uns Kraft, die wir brauchen, um das Richtige zu tun. Gary Stevenson hat das erkannt, indem er ganz einfache Prinzipien proklamiert hat („tax wealth, not work“).
Ob das Ziel 10x heißt oder anders, das ist zweitrangig. Genau wie auch die genaue Auswahl und Kalibrierung von Maßnahmen zweitrangig ist. Aber mit einem Zielbild erweitern wir den Rahmen dessen, über das in unserer Gesellschaft diskutiert wird. Und das ist dringend nötig, denn gerade in der heutigen Zeit ist dieser Rahmen zu eng gesetzt. Und er wird von denen gesetzt, die die Tür des Oasenhauses ohne mit der Wimper zu zucken zuschlagen würden.
Aber auch ein Rahmen ist nur wenig wert, wenn wir das Gefühl haben, dass wir selbst nichts bewegen können. Wenn wir trotz unseres Wollens nicht von heute auf morgen eine Massenbewegung sehen, die Regierungen weltweit zum Umlenken zwingt.
Es ist nicht einfach, unsere Oase zu teilen. Aber es ist eine Wahl, die wir treffen können. Und niemand zwingt uns, heute die gleiche Wahl zu treffen wie gestern.
Das meine ich mit „radikal normal“. Heute scheint es radikal, zu sagen, dass niemand hundertmal mehr zum Leben braucht als ein anderer. Genauso, wie das Verbot der Sklaverei oder das Wahlrecht für Frauen einst radikal erschienen. Dass sie heute normal erscheinen, war nur dadurch möglich, dass Menschen für radikale Veränderungen kämpften.
Deswegen ist es wichtig, dass wir wissen, dass wir schon jetzt kleine Schritte gehen können und nicht warten müssen, bis bessere, einfachere Zeiten kommen.
Was sind Beispiele für solche Schritte?
Jeder von uns kann mit seinen Freunden über das Thema sprechen. Jeder von uns kann sich im Netz für mehr Gleichheit einsetzen. Jeder von uns kann ausbeuterische Firmen boykottieren. Alle von uns, die in Demokratien leben, können Pilotprogramme zum Grundeinkommen einfordern und unsere Abgeordneten darauf ansprechen, dass sie sich für progressive Besteuerung und insbesondere Vermögenssteuern einsetzen. Und wir können uns globalen Initiativen anschließen, die sich gegen Ungleichheit einsetzen.
Ich würde mich freuen, wenn du diesen Text als Inspiration verstehst, wenn du ihn kontrovers und respektvoll diskutierst, wenn du Fragen stellst – kurz: wenn wir gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Danksagung und Inspiration fürs Weiterlesen
Dieses Thema brennt mir schon viele Jahre unter den Nägeln. Der Anstoß kam aus zwei Richtungen:
Zum einen war es das ständige Verneinen eigener Verantwortlichkeit, das mir im Alltag begegnete. Daraus habe ich die Oasenparabel abgeleitet und in vielen Gesprächen mit Freunden und Verwandten weiterentwickelt.
Zum anderen kam der Anstoß tatsächlich durch Richard David Prechts Geschichte der Philosophie, die ich (auch wenn ich seine Positionen in vielerlei Hinsicht problematisch finde) als sehr orientierungsgebend wahrgenommen habe. Dort erwähnt er die Nomoi von Platon und eben auch das 4-zu-1-Verhältnis. Als ich das las, bin ich aus allen Wolken gefallen.
Ausgehend von diesen beiden Kernideen der persönlichen Verantwortlichkeit und der historisch belegten Möglichkeit, an eine Begrenzung von Reichtum überhaupt auch nur zu denken, fing ich an, zu skizzieren und zu recherchieren, wie man das verknüpfen und von Anfang bis Ende durchargumentieren könnte.
Bei der Recherche und auch als Sparringspartner haben mir dabei auch KI-Anwendungen geholfen. Ohne sie wäre ich nicht so schnell vorangekommen – ich arbeite Vollzeit, leiste noch ehrenamtliche Arbeit für Volt und habe eine Frau und drei Kinder.
Bei dieser Recherche stieß ich nach und nach auf Denker, die diverse Aspekte meines Arguments bereits deutlich früher und tiefgründiger beleuchtet hatten. Manchmal war meine Reaktion: Oje, da hat jemand schon vor Jahren die gleiche Idee gehabt, ist meine Arbeit nun für die Katz?
Aber je mehr ich las, desto größer wurde meine Dankbarkeit gegenüber diesen Menschen, die dem Thema teilweise ihr Leben gewidmet haben. Wenn ich ehrlich bin, fühlt es sich gut an, dass ich in der Tradition klügerer Leute stehe. Und es gibt mir Hoffnung, dass unsere gemeinsame Sache zu einem guten Ende kommt.
Hier sind einige der Menschen, deren Arbeit ich dir anempfehlen kann:
• Platon, Nomoi – das Verhältnis von 4 zu 1, von dem alles ausging.
• Ingrid Robeyns, Limitarismus – die philosophische Begründung einer Obergrenze für Reichtum.
• Sam Pizzigati (inequality.org) – streitet seit Jahrzehnten für einen an die untersten Löhne gekoppelten „Maximallohn“; sein Idealwert liegt ebenfalls bei 10 zu 1.
• Richard Wilkinson & Kate Pickett, Gleichheit ist Glück – die Daten dazu, wie Ungleichheit Gesellschaften beschädigt.
• Peter Singer, The Life You Can Save – das Gleichnis vom ertrinkenden Kind und die persönliche Mitverantwortung für fernes Leid.
• Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert – warum Kapital langfristig schneller wächst als die Wirtschaft.
• Emmanuel Saez & Gabriel Zucman, Der Triumph der Ungerechtigkeit – wie ein gerechteres Steuersystem aussehen könnte.
• Ulrike Herrmann, Das Ende des Kapitalismus – Wachstum und die Grenzen des Planeten.
• Gary Stevenson, Garys Economics – wie aus dem Thema eine politische Bewegung wird.
• Martyna Linartas, Unverdiente Ungleichheit – wie fest die Ungleichheit gerade in Deutschland verankert ist.
• Richard J. Murphy, Funding the Future – Blog mit kurzen, klaren Videos, die gängige Annahmen über Geld, Steuern und Wirtschaft auf den Kopf stellen.
• Chris Reiter & Will Wilkes, Totally Kaputt – eine schonungslose, aber hoffnungsvolle Bestandsaufnahme von Deutschlands Abstieg in die Krise.
Sicherlich gibt es noch mehr Menschen, die an der Frage der Ungleichheit arbeiten und Lösungen ersinnen. Ich würde mich freuen, wenn du mich auf sie hinweist und wir so gemeinsam dazulernen und Stimmen, die es verdienen, gehört zu werden, lauter erklingen lassen.
Zuletzt im Text, wenn auch nicht im Rang, möchte ich meiner Frau und meinen Kindern danken, weil sie die vielen Stunden, die ich an diesem Projekt gesessen habe, geduldig ertragen und mich motiviert haben, auch in schwierigen Momenten weiterzumachen.


